Technik und Geräte: Wenn das Bronchoskop nicht zu greifen ist …

Jeder Anästhesist stößt von Zeit zu Zeit an seine persönlichen Grenzen, wo das Intubieren überraschend schwierig wird. Es kommen dann immer die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Anästhesie und Intensivmedizin: Wie war doch noch mal „Plan B“, wenn der Plan A „endotracheale Intubation“ heißt? Nicht immer kommen Sie mit (Intubations-)Larynxmaske / Larynxtubus aus, manchmal muss wirklich der Tubus in die Trachea. Nicht jeder ist ein Virtuose mit dem Bronchoskop, hat Erfahrung mit dem Bonfils-Endoskop oder hat diese Instrumente in Griffweite. Also ist man  immer gespannt auf andere Neuerungen. Sehr interessant ist derzeit den Ansatz, den das Airtraq® Laryngoskop bietet (Prodol Ltd. Vizcaya, Spanien).

So sieht das Airtraq®-Laryngoskop aus

Hier können Sie in ein einem Laryngoskop ähnliches Plastikhaltegestell einen Tubus einspannen, der im Bereich der unteren Zentimeter nach vorne gebogen wird. Ein System von Plastiklinsen und Prismen in einem parallel zum Tubus angeordneten Kanal erlaubt Ihnen den Blick von oben und dann „um die Ecke“ bis an die im 90°-Winkel gebogene Tubusspitze, die unter Sicht durch die Stimmritze geschoben werden kann. Durch die spezielle Form müssen die verschiedenen Achsen (orale / pharyngeale /laryngeale Achse) nicht durch Lagerungs- oder laryngoskopische Manöver aneinander angeglichen werden, sondern können in ihrer natürlichen Position verbleiben. Die distale Linse ist beheizt, so dass sie kaum beschlagen kann. Ein Videomonitoring ist verfügbar. 2 Größen sind erhältlich.

2 Dinge trüben den Spaß:

  • Es handelt sich um ein Einmalprodukt – der Spatel wird weggeworfen, was einem bei  einem Preis von 40 € dann doch leid tut
  • Die Optik hat den Charme und die Qualität von Kinderteleskopen aus durchsichtigem Plastik

Wozu ist das Laryngoskop nützlich?

Entscheidend ist die Frage: Ist Ihnen dieses Plastikhaltegestell bei einer schwierigen Intubation nützlich? Kann es Ihnen Sicherheit bringen an Orten, wo Ihnen eine teure Spezialausrüstung (Bronchoskop/Bonfils-Endoskop oder Ähnliches) nicht zur Verfügung steht?

Folgende Vorteile scheinen gesichert zu sein:

  • Auch Ungeübten gelingt eine schwierige Intubation leicht. Woollard et al. (1) ließen 33 Probanden ohne Spezialkenntnisse eine auf Cormack/Lehane Grad III – IV präparierte Laerdal-Puppe intubieren (zur Erinnerung: Grad III bedeutet, dass bei der Laryngoskopie gerade eben nur die Epiglottis sichtbar ist, bei Grad IV ist auch die Epiglottis nicht sichtbar). Jeder Studienteilnehmer hatte 30 Sekunden Zeit und war innerhalb von 5 Minuten mit dem Airtraq® vertraut gemacht worden. 80 % der Untrainierten gelang eine Intubation bei diesen schwierigen Verhältnissen in weniger als 30 Sekunden. In keinem der Fälle wurde der Ösophagus intubiert. Jetzt sollten Sie wissen, was von Untrainierten überhaupt erwartet werden kann. Die Autoren (1) zitieren Arbeiten mit 98-71 % erfolgreicher Intubation. Wenn aber Cormack/Lehane Grade von III – IV auftraten, fiel die Rate erfolgreicher Intubationen jedoch auf 0 % ab – im Gegensatz zu 80 % in dieser Studie!
  • Bei immobilisierter Halswirbelsäule (Immobilisierung kann nötig sein bei HWS-Trauma/Bandscheibenschaden/chronischen HWS-Schmerzen und -schäden zur Verhinderung schwerer neurologischer Schäden bei der Intubation) gelingt die Intubation mit dem Airtraq®-Laryngoskop leichter, schneller und schonender (2).
  • In einer randomisierten, einseitig verblindeten kontrollierten klinischen Studie wurden 40 Patienten im HWS-Bereich manuell immobilisiert (Methode MIAS: manual in-line axial stabilization). Intubiert wurden 20 Patienten mit dem Macintosh-Laryngoskop und 20 Patienten mit dem Airtraq®-Laryngoskop von erfahrenen Anästhesisten (mehr als 500 Intubationen mit Macintosh, mehr als 50 Intubationen mit Airtraq®). Befunde, die für das Airtraq® sprachen, waren:

- schnellere Intubation mit 13 sec vs. 20 sec,

- leichtere Intubation mit „Intubations-Schwierigkeitsskala“-Werten von 0 vs. 2,

- Erfolg beim 1.Versuch: 100 % vs. 95 %,

- Optimierungsmanöver notwendig: 0 % vs. 40 %,

- Veränderungen von Puls und Blutdruck: signifikant geringer als mit Macintosh-Laryngoskop,

- Klassifizierung nach Cormack und Lehane: 19-mal Grad 1 vs. 6-mal Grad 1

- Die Autoren sehen einen Vorteil im Einmalgebrauch des Instruments speziell in Bezug auf die Prionensicherheit.

  • Die Autoren verglichen bei den gleichen Cormack/Lehane Graden den Macintosh-Spatel mit dem Airtraq® (3), wobei der Letztere im Ergebnis deutlich besser war.
  • Dhonneur et al. aus Paris (4) beschrieben 2 fehlgeschlagene Intubationsversuche mit dem Macintosh-Laryngoskop bei 2 Not-Sectiones bei 2 sehr adipösen Frauen (Body-Mass-Index 38 bzw. 44 kg/m²). Mit dem Airtraq®-Gerät ließen sich in beiden Fällen in kurzer Zeit (10 sec / 20 sec) die Luftwege sichern.

Fazit: Airtraq® bietet eine Alternative zum Macintosh-Spatel bei der konventionellen Atemwegssicherung. Dort, wo mit schwierigen Intubationen gerechnet werden muss, stellt es eine preisgünstige und leicht verfügbare Möglichkeit dar, teure „Spezialistengeräte“ wie das Bronchoskop zu ersetzen.

Quelle. Anästhesie aktuell; August 2008

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