Die Abhängigkeit vom Gas
Mögen Sie den Duft von Sevofluran? Ich finde ihn ganz angenehm. Offensichtlich fühlt sich eine relevante Anzahl von Anästhesisten zu den Inhalationsanästhestika hingezogen – auch ohne Narkose.
Seit den Tagen von Horace Wells ist der Missbrauch auch von Inhalationsanästhetika ein beschriebenes, wenn auch nicht sehr bekanntes Phänomen. Bekannt ist ein gewisser Drogenkonsum bei Anästhesisten. Von ca. 3.500 französischen Anästhesisten waren etwa 11 % abhängig oder verwendeten regelmäßig andere abhängig machende Substanzen (Tabak wurde nicht berücksichtigt). Sie gebrauchten
- 60 % Alkohol,
- 41 % Tranquilizer und Hypnotika,
- 5,5 % Opiate.
In einer Arbeit von J. E. Wilson und Kollegen aus Denver, Colorado (1) wird der Medikamentenmissbrauch unter Anästhesisten als weltweit zunehmendes Problem angesehen. Es standen meist intravenös zu applizierende Substanzen im Blickpunkt des Interesses. Keine Untersuchung hat sich bisher des Missbrauchs-Potenzials von Inhalationsanästhetika angenommen. Von Lachgas und Sevofluranen sind gewisse verstärkende Effekte bekannt, von Lachgas und Halothan wurde auch ein Abusus berichtet.
Wo setzen die Narkotika an?
Der neuronale Aspekt einer missbräuchlichen Verwendung von Inhalationsanäthestika wird derzeit noch nicht recht verstanden.
Lachgas scheint unterschiedliche Effekte auf das Opiat- und noradrenerge System auszuüben. Es ist ein NMDA- Rezeptor-Antagonist und interagiert mit GABA-Rezeptoren. Volatile Anästhestika scheinen ebenfalls mit den GABA-Rezeptoren zu interagieren sowie auch (aber weniger) mit den zerebralen NMDA-Rezeptor-Systemen.
Alkohol wirkt als GABA-Inhibitor ähnlich wie die volatilen Anästhetika. Nach Meinung der Autoren könnte dies das Missbrauchspotenzial der volatilen Anästhetika erklären.
Inhalationsnarkotika haben den „Vorteil“, leicht erhältlich zu sein. Ihre Menge wird selten kontrolliert. Das macht sie möglicherweise zu Substanzen, deren nichtbestimmungsgemäßer Gebrauch unentdeckt bleibt und der darum häufiger vorkommt, als wahrgenommen wird – so die Hypothese der Autoren. Es gelang ihnen, 106 US-amerikanische Anästhesieabteilungen für eine Mitarbeit an einem Überwachungsprogramm zu gewinnen.
Die Ergebnisse werden Sie überraschen
In jeder 5. Anästhesieabteilung (22 %) gab es eine oder auch mehr Personen, die einen Inhalationsanästhestika-Abusus betrieben oder zumindest sich diese Anästhetika widerrechtlich aneigneten.
In 6 Abteilungen gab es mehr als einen Vorfall, betroffen waren neben Fachärzten auch Auszubildende, Medizinstudenten, OP-Schwestern und Anästhesietechniker. 8 Todesfälle wurden berichtet (darunter waren 2 Fachärzte). Damit lag die Mortalitätsquote bei 26 % (8 von 31 Anwendern starben). Von den erfassten Fällen wurde die Hälfte in ein Rehabilitationsprogramm geschickt. Letztlich gelang es aber nur 1/5 der initial festgestellten missbräuchlichen Verwender, in den Anästhesieberuf zurückzukommen. Übrigens konsumierten viele nicht nur ein Anästhetikum.
Was wird missbräuchlich genommen?
Die Hitliste führte Lachgas an, das nahm annähernd die Hälfte der Anwender. Hier kam es zu keinem einzigen Todesfall. Der Missbrauch der anderen volatilen Anästhetika verteilte sich recht gleichmäßig auf Isofluran, Sevofluran, Halothan und Desfluran. Insgesamt gesehen ist der Missbrauch von Anästhesiesubstanzen gering. Nur 1– 2 % der Mitarbeiter begehen ihn. Die Autoren glauben aber, dass es ein zunehmendes Problem mit den genannten Substanzen gibt. Immerhin hatten sie die Studienteilnehmer nach den Vorkommnissen der letzten 20 Jahre befragt – jedoch hat sich die Hälfte der berichteten Fälle in den letzten
6 Jahren abgespielt.
Missbrauch nur schwer erkennbar
Eine missbräuchliche Verwendung überhaupt festzustellen ist sehr schwer. Leider wird der Gebrauch von Inhalativa oft erst festgestellt, wenn die Person an einer Überdosis verstorben ist. Häufig stehen die Inhalationsanästhetika am Ende einer Suchtkarriere, die oft mit einem Opiat-Abusus beginnt.
Frühere Studien hatten ergeben, dass das Risiko eines Todesfalls durch Inhalationsnarkotika ähnlich hoch ist wie das bei Propofolmissbrauch. Und dieses Risiko wiederum gleicht bei Anästhesisten dem Risiko durch einen Suizid.
Erschreckend ist neben der Todesgefahr auch die geringe Möglichkeit der Wiedereingliederung in den anästhesiologischen Beruf.
Sie werden sich sicher fragen: Was macht einen Mitarbeiter empfänglich für eigene Experimente mit Narkosemitteln?
Wilson et al. befanden nach ihrer Studie und nach Sichtung der Literatur, dass die Gefahr wächst, wenn Folgendes vorliegt:
● leichter Zugang zu den Substanzen,
● „Selbstmedikation“ bei Stress, Angst, Depression,
● leistungsorientierte oder aufregungsuchende Persönlichkeit,
● frühere Opiatabhängigkeit,
● psychiatrische Auffälligkeiten,
● einschlägige Familiengeschichte.
Besonders traurig: Sowohl in der Literatur wie auch in den Ergebnissen von Wilson et al. liegt die größte Gefahr für einen tödlichen Zwischenfall mit Inhalationsanästhestika bei den jungen Mitarbeitern in den ersten 5 Jahren nach dem Berufsbeginn.
Wilson J. E. Anaesthesia 2008; 63:616-620
Quelle: Anästhesie aktuell; Juli 2008
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