So zähmen Sie Ihren Chef - Kommunikation in der Anästhesie

Spricht man mit englischen, holländischen oder französischen Kollegen über unsere medizinische Arbeitswelt, sieht man oft ein wissendes Grinsen im Gesicht des Gegenübers, wenn es um das Thema „Hierarchie im Krankenhaus“ geht. „Ja, ihr Deutschen braucht das offensichtlich …“ heißt es dann manchmal. Gemeint ist die stramme Organisation mit „Befehlsgewalt“ und „Gehorsam“.

Viele Mitarbeiter, auch im nichtmedizinischen Bereich, klagen über die Führungskultur ihres Unternehmens. 8 von 10 Befragten beschweren sich ganz unspezifisch über mangelndes gegenseitiges Verständnis zwischen Betriebsführung und Mitarbeitern (so die Studie „Gute Arbeit“ des DGB von 2007).

Gestörtes Verhältnis zum Chef hat auch im Privaten Folgen

Brad Gilbreath von der Indiana University in Fort Wayne befragte mehr als 1.000 Angestellte aus den unterschiedlichsten Berufssparten nach ihren Vorgesetzten.

Heraus kam, dass über die Hälfte der Befragten „von den schlechten Stimmungen des Arbeitgebers auch privat negativ beeinflusst wurden“. Und fast noch schlimmer: Jeder 2. Befragte gab zu, dass er ein gestörtes Verhältnis zum Chef / zur Chefin hat.

Lästern ist erholsam

Über eine solche Situation lästern kann richtig guttun (laut einer „Stern“-Umfrage tut das der „normale“ Arbeitnehmer durchschnittlich 4 Stunden in der Woche!). Ändert sich dadurch etwas? Nein!

Ein konstruktiver Ansatz zum Umgang mit schwierigen Vorgesetzten wird in PSYCHOLOGIE HEUTE (November 2008) von Martin Wehrle in 7 Schritten beschrieben.

7 Schritte zum Umgang mit einem schwierigen Chef – Seien Sie konstruktiv

Auf die Krankenhaussituation und die Anästheise übertragen sehen diese Tipps etwa so aus:

1. Erkennen Sie die eigene Verantwortung

Fragen Sie sich: Wodurch trage ich zu dem Problem bei? Wer z. B. immer wieder an die Leine genommen wird, könnte sich fragen: Weihe ich die Vorgesetzten in meine Pläne ein – oder neige ich überwiegend zu Alleingängen? Überschreiten immer wieder andere meine Grenzen, weil ich sie nicht deutlich genug ziehe?

2. Machen Sie deutlich, was Sie stört

Lästern tut gut – machen Sie es doch schriftlich! Schreiben Sie auf einen großen Zettel links alles auf, worüber Sie sich ärgern. Und rechts das, was Sie sich wünschen, wie z. B.: Wir benötigen klar formulierte erreichbare Ziele / Standards. WICHTIG: Tragen Sie diese Wünsche auch Ihrem Chef vor!

3. Nutzen und ergänzen Sie die Schwächen des Chefs

Erkennen Sie bei Ihrem Chef Schwächen, ziehen Sie nicht (nur) darüber her, denn damit ändern Sie nichts. Versuchen Sie, die Schwächen auszugleichen. Möglicherweise schaffen Sie so für sich Kompetenzen und Freiräume und mehr Wertschätzung vom Vorgesetzten. Beispiel: Die Chefin kennt sich nicht mit Antibiotikatherapie aus – dann machen Sie das doch zu Ihrem eigenen Schwerpunkt!

4. Fordern Sie Komplimente ein

„Nicht geschimpft ist genug gelobt!“ – Nervt Sie diese Haltung? Dann fragen Sie einfach mal nach: „Waren Sie mit meinem Trauma-Management gestern zufrieden? Was genau fanden Sie denn besonders gut?“ Sie zwingen den Chef / die Chefin damit zu konkreten Formulierungen und erfahren etwas über Ihr Bild bei ihm / ihr.

5. Hören Sie zu – und zeigen Sie das

a) Geben Sie Inhalte von Gesprächen fast wörtlich wieder – zumindest akustische Missverständnisse können Sie so vermeiden („Sie wünschen, dass ich die EKGs immer mit Ihnen bespreche“).

b)    Wiederholen Sie den Inhalt in eigenen Worten („Sie wollen über Auffälligkeiten informiert werden“).

c)    Interpretieren Sie das Gefühl hinter der Äußerung („Sie ärgern sich, dass ich Sie nicht um Rat gefragt habe?“).

d)    Kombinieren Sie Inhalt und Gefühl („Sie wollen über auffällige EKGs informiert werden und ärgern sich, dass ich das nicht getan habe“).Merken Sie sich: „Nur wer sich um Verständnis bemüht, versteht sich mit seinem Chef“, sagt Martin Wehrle.

6. Ziehen Sie Grenzen

Lassen Sie sich nichts gefallen, was Ihnen nicht gefällt!

Beispiel: Die Chefin kommt in den Saal und schreit: „Was ist denn das für eine bescheuerte Narkose!“ Sie können sich (so PSYCHOLOGIE HEUTE) in 5 Schritten abgrenzen (möglichst erst, wenn sich die Chefin / der Chef und Sie selbst wieder beruhigt haben):

a) Sie beschreiben ohne Wertung, was passiert ist: „Sie betraten meinen OP-Saal und schimpften extrem laut über meine Narkose.“

b) Sie schildern Ihre Empfindung: „Sie haben mich völlig überrumpelt. Ihr Ton hat mich sehr verletzt. Einen Zusammenhang mit meiner Arbeit habe ich nicht erkannt.“

c) Sie zeigen Ihre Interpretation: „Ich habe Ihre Ausdrucksweise als Geringschätzung erlebt.“

d) Sie geben Ihrer Chefin die Gelegenheit, Stellung zu beziehen: „Können Sie verstehen, wie es mir in dieser Situation ergangen ist?“

e) Sie beschreiben, welche Konsequenzen Sie zukünftig ziehen werden, und versuchen, Ihre Chefin in die Regelung einzubeziehen: „Wenn es noch einmal zu einer solchen Situation kommt, stehe ich erst dann wieder zu einem Gespräch zur Verfügung, wenn das in zivilisiertem Ton möglich ist.“Der Autor Martin Wehrle ist Karriereberater und meint, dass erstaunlich viele Chefs eine solche Grenze respektieren würden. Man müsse sie nur richtig ziehen: hart in der Sache, freundlich im Ton.

7. Seien Sie beim Vorstellungsgespräch kritisch

Hier muss nicht nur einer „Ja“ sagen, sondern beide. Auch Sie sollten kritisch sein: Können Sie mit dem neuen Chef / der neuen Chefin? Wie werden die Mitarbeiter behandelt? Wie ist die Stimmung in der Abteilung? Werden Sie sich da wohl fühlen? Seien Sie kritisch!Mir gefällt der Ansatz „Ich bin mitverantwortlich für meinen Chef! Und deshalb muss ich ihn / sie mit erziehen“. Wenn Sie nicht selbst Chef sind, befinden Sie sich zwar immer in der schwächeren, aber nicht in der machtlosen Position. Stellen Sie sich einfach die Rollen vertauscht vor. Und Ihnen sagen Ihre Mitarbeiter jahrelang „Jawohl Chef“, „Ganz wie Sie meinen“, „Mach ich Chef“ und akzeptieren jede Schrulle und jede Meinung von Ihnen. Was für einen sensationell starken Charakter brauchen Sie dann als Chef, um nicht daran Schaden zu nehmen?

Haben Sie Mut, Engagement und Selbstvertrauen im Umgang mit Ihren Vorgesetzten! Ziehen Sie aber auch Grenzen! Wenn aber alles nichts nutzt und Sie nicht zurechtkommen und sich immer schlecht, deprimiert und gedemütigt fühlen – dann kündigen Sie! Noch nie war die Situation für Mediziner so gut auf dem Arbeitsmarkt wie jetzt!Und wenn Ihr Chef ein guter Chef ist? Dann freuen Sie sich und unterstützen Sie ihn oder sie, wo Sie nur können – der Job ist alles andere als einfach! 

Hier finden Sie weitere Informationen zu Themen aus der Anästhesie

 

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