Tattoos & Piercings - Ein Risiko im OP?
Dieser Artikel erschien in Anästhesie aktuell. „Wenn Ihr Patient mehr als 3 Tattoos hat, dann sollten Sie ihn mal dem Psychiater vorstellen“, meinte vor 2 Jahrzehnten unser Gerichtsmedizinprofessor. Heute würde die Umsetzung dieser Idee nicht nur an den Kapazitäten der Psychiater scheitern. Tattoos und Piercings sind weitgehend akzeptiert und quer durch alle gesellschaftlichen Schichten zu finden.
Was machen Sie im OP?
Im OP herrscht aber oft Unklarheit, ob Tattoos einfach durchstochen werden oder ob Piercings während Eingriffen belassen werden dürfen. Manchmal werden da erbitterte Kämpfe ausgetragen zwischen den „toleranten“ Mitarbeitern und den strengen Wächtern eines fremdkörper-freien Körpers. Die Argumente für und wider sind nicht immer leicht nachzuvollziehen. Mir konnte z. B. noch niemand erklären, warum eine goldene Zahnbrücke keine Verbrennungen im Mund beim Kautern erzeugt, ein Nabelpiercing aber Hitzeschäden erzeugen sollte. Oder sind da doch alte Schönheitsnormen im Spiel? Höchste Zeit also, die Literatur zu bemühen. Eine schöne Übersicht haben F. J. Mercier und M.-P. Bonnet zusammengestellt1.
Das sollten Sie wissen und beachten.
- Piercing: Das Material ist meist rostfreier Stahl und gelegentlich Titan, Silber oder Gold.
- Orales Piercing: Jede Art von Fremdkörper im Mund kann zu Problemen führen. Beispielsweise können lose Fremdkörper zu Zahnschäden beim Zubeißen führen oder natürlich in die Atemwege aspiriert werden. Befestigte Piercings können hinderlich sein beim Einführen des Laryngoskops oder eines Atemwegzugangs. Berichtet wurde in diesem Zusammenhang über Blutungen, auch über Laryngospasmen in Zusammenhang mit den Blutungen2. Besonders kritisch können die Fremdkörper-Probleme bei Not-Intubationen sein3. Piercings haben das Potenzial dazu, durch den Reiz zu einer Schwellung mit nachfolgenden Intubations- und Atemschwierigkeiten zu führen.
- Nasales Piercing: Hier konnten Mercier et al. nur Fälle mit postoperativ fehlenden Piercing-Anteilen in der Literatur ausmachen. Der ärgerlichste Fall berichtet von intraoperativem Röntgen von Kopf und Hals und schließlich fiberoptischer Inspektion der Luftwege und der Lunge. Das Ganze nur, weil ein Piercing-Befestigungsteil fehlte – das die Patientin ohnehin nicht trug, was wiederum die Anästhesisten nicht wussten4.
- Verbrennungen? Eine verbreitete Befürchtung betrifft die Gefahr von elektrischen Verbrennungen in Zusammenhang mit belassenen Piercings und Elektrokauterisation. Auch in dem Artikel von Mercier et al. wird die Befürchtung genannt, ohne näher mit Beispielen darauf einzugehen.
- Infektion: Selbstverständlich können alle im Körper befindlichen Fremdkörper kontaminiert sein und Quelle einer Infektion darstellen. Kommentar: Ich erinnere mich an eine Warnung in „Hygiene & Medizin“, wo vor Nasenpiercings im Pflegebereich gewarnt wurde. Als problematisch wurde das feuchte Milieu um nicht vollständig epithelialisierte Öffnungen angesehen in Zusammenhang mit einer möglichen MRSA-Besiedelung.
Mercier et al. empfinden die Argumente „Verbrennungsgefahr“ und „Infektionsgefahr“ als wichtigstes Argument für die Entfernung eines Piercings.
Einen Konsens bezüglich des Entfernens eines Piercings bei jeder Anästhesie gibt es wohl derzeit nicht. Mercier et. al geben aber zu bedenken, dass aus einer geplanten Regionalanästhesie auch schnell einmal eine ungeplante (und dann oft eilige) Vollnarkose entstehen könne. Zumindest in diesen Situationen können Sie sich mit einem grundsätzlichen Piercing-Verbot Probleme ersparen.
Wie entfernen Sie Piercings?
Können Sie Piercings z. B. bei Notfalloperationen / Unfällen sachgerecht entfernen? Wenn nein, dann gehören Sie zur Mehrheit der Ärzte – die das nämlich nicht können. Das sollten Sie lernen, meinen die Autoren! Kommentar: Mir widerstrebt das ein wenig, mich auf jede Schrulle einzulassen.
Verschluss des Stichkanals
Manche Patienten befürchten einen schnellen Verschluss des Stichkanals, wenn das Piercing entfernt wurde. Alternativ stehen Platzhalter aus Plastik zur Verfügung (elektrisch neutral, jedoch ebenfalls mit dem Potenzial zu dislozieren und in diesem Fall noch nicht einmal röntgendicht zu sein). Es gibt wohl Berichte über Periduralkatheter und ZVKs als Platzhalter; ein effektiver aber teurer Ersatz.
Was tun, wenn das Piercing am Narkoseende fehlt?
In der Literatur herrscht Einigkeit darüber, zuerst zu röntgen: Kopf, Hals, Brust, Abdomen. Danach folge die fiberoptische Untersuchung von Naso- und Oropharynx, Ösophagus, Larynx und Trachea.
Tätowierungen
Dass die Tätowierungsfarbe gelegentlich schlecht vertragen wird, ist bekannt, jedoch mehr ein Problem anderer Fachdisziplinen. Es besteht der Verdacht auf das Auslösen von fokalen chronischen neuromuskulären Dysfunktionen durch Tattoos.
Selbstverständlich können mit dem invasiven Tätowierungsverfahren auch Infektionen übertragen werden. Eine interessante Erscheinung sind Verbrennungsprobleme und Schmerzen nach MRT bei Verwendung von eisenhaltiger Tinte.
Kann es dabei aber zu Konflikten mit der Anästhesie kommen? Können Sie Probleme auslösen, wenn sie z. B. einen geburtshilflichen Periduralkatheter durch das „Gesäß-Geweih“ Ihrer Patientin legen? Können Sie nicht Farbpartikel mit in die Tiefe tragen, die dann Nebenwirkungen zeigen? Die Kollegen Mercier et al. wollen das Problem nicht negieren, sehen aber letztlich nach Sichtung der Literatur keinen ernst zu nehmenden Hinweis auf bisher bekannt gewordene Komplikationen. Selbstverständlich sollten bei spinalen oder epiduralen Punktionen Nadeln mit Innenmandrin verwendet werden.
Der Rat der Autoren Mercier et al.:
- Vermeiden Sie eine direkte Punktion durch eine Tätowierung (punktieren Sie in einen pigmentfreien Bezirk innerhalb einer Tätowierung).
- Klären Sie die Patienten, wenn eine Punktion unvermeidlich ist, über das grundsätzliche Problem auf.
- Dokumentieren Sie jede Tätowierung in potenziellen Punktionszonen.
- Und wenn Sie unbedingt durch das Tattoo hindurch in den Spinalkanal müssen, helfen Sie sich mit einer nadelbreiten, wenige Millimeter tiefen Hautincision durch die Epidermis hindurch
1) Mercier FJ et al. Curr Opin Anaesthesiol. 2009 Jun;22(3):436-441
2) Wise H Anaesthesia 1999; 54:1129
3) Kuczkowski KM et al. J Clin Anesth 2002; 14:447-448
4) Kuczkowski KM et al. J Clin Anesth 2003; 15;359-362
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